minimalraum
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NEID

BEATRICE BUCHER und MASSIMO MILANO
7. Juli 2012 bis 30.8.2012

Er ist Thema in allen Religionen und jedem Kulturkreis; bereits Hesiod und Aristoteles diskutierten den negativen Neid, seine Ursprünge, Formen und Auswüchse, während der positive, also anerkennende, ja beneidenswerte Neid weniger Beachtung fand. Das besondere am Neid, der oft als die grösste Todsünde und als Keim jeden übels bezeichnet wird, ist das konkrete Mitleiden des Neiders. Denn Neid entsteht in der Regel um etwas, das man zwar selbst auch besitzt, aber eben nicht in der beneideten Form: "Der Töpfer grollt dem Töpfer und der Zimmermann dem Zimmermann, es neidet der Bettler den Bettler und der Sänger den Sänger" heisst es bei Hesiod und findet in dieser Form im Alten Testament mit dem Todschlag Abels durch seinen Bruder Kain zum symbolträchtigen Höhepunkt. Zum Neid gehört also eine andere Person, die in einer besonderen Gunst zu stehen scheint. Dem Neid nachgebend, folgt aber nicht etwa die Besitznahme des begehrten Gutes, sondern vielmehr der Ausschluss, die Verunglimpfung, die Vernichtung des Besitzers, auch wenn dies letztlich an der Situation des Neiders nichts ändern sollte. Schon die Götter versuchten sich vor dem Neid zu schützen, der als Dämon in Erscheinung trat, und mussten seinen Blick abwehren. Und so taucht Neid in Form des scheelen, missgünstigen Blicks sowohl in Erzählungen, Sagen und Märchen als auch in der Geschichte der Kunst auf, wie es Hieronymus Bosch in seinem Zyklus zu den Todsünden eindrücklich darstellte. Zum neiderfüllten Blick gesellten sich bald vor allem in mittelalterlichen Schwankbüchern, Bilderbögen und auch auf Spielkarten verschiedene Darstellungen, bei denen menschliche wie tierische Neider vorgeführt wurden.
Die Gemeinschaftsarbeit von Beatrice Bucher und Massimo Milano resultiert aus Fragen nach Werten, Vorstellungen und Bildern, die für die heutige Gesellschaft Wertmassstab sind und damit Auslöser von Neid sein können. In ihrer Arbeit versinnbildlichen sie insbesondere Prozesse, die im Umgang mit Neid möglich sind. Wenn sie, im wahren Sinn des Wortes, vordergründig-spielerisch den Zugang zu ihren Antworten nur scheinbar verwehren und damit durchaus Neid auszulösen in Kauf nehmen, dann loten sie hintergründig-reflexiv ihre Antworten an Aktuellem und Konkretem aus und transferieren dabei kunsthistorische Topoi des Neids ins Jetzt.

Beatrice Bucher (*1956 Zürich, lebt und arbeitet Hittnau) Grafikerin, Lehrbeauftragte und Künstlerin mit einem breiten Formenvokabular, das in Installationen vorwiegend, aber auch in Objekten, Plastiken, Figuren und Kunst am Bau zum Tragen kommt. In ihrer frischen, stets analytischen künstlerischen Kreativität haben aufs Wesentliche reduzierte Formen ebenso ihren Raum wie humorvolle und ironische Momente scharfsinnig aufscheinen, die von Bucher mit einem ausgesprochenen Sinn für Material, Form- und Farbwirkung in neue Bedeutungszusammenhänge gebracht werden. Eine weitere wichtige Komponente in ihrem Schaffen ist ihr Umgang mit Sprache, in dem sie Wortamalgame bildet und eine besondere Prosa formuliert. Ihre Arbeiten sind bei Solo- und Gruppenausstellungen zu sehen; siehe auch www.beatricebucher.ch.

Massimo Milano (*1968 in Süditalien, lebt und arbeitet in Rapperswil und Zürich) freischaffender Illustrator und Künstler. Er gründete 2006 den Raum62 in Rapperswil und stellt seit 2010 im zweimonatigen Turnus in dem von ihm gepachteten minimalraum in Rapperswil aus. Als Künstler nähert er sich primär mit dem Medium der Zeichnung, aber auch mit Installationen und Video seinen Themen, die er aus der Beobachtung und Auseinandersetzung mit dem Menschen in seiner Umwelt generiert. Darin haben zwielichtige Gestalten ebenso Platz, wie Strich gewordene Hoffnungen, ängste und Tabus. Grossformatiges entsteht mit minutiösem Strich, Einheitsfassaden, Gesichtslose, Gepeinigte und Andersartige verweisen auf gesellschaftliche Rahmen und Zwänge, während hier und dort scheinbar ganz Banales durch seine Arbeit unsere Aufmerksamkeit erhält. Seine Arbeiten sind auf internationalen Ausstellungen zu sehen, er erhielt mehrere Preise und
Stipendien.

Eindrücke der dritten Vernissage von projzwei zum Thema NEID vor dem minimalraum in Rapperswil.